Esther Maria Jungo
Alexander Hahn - My Own Private Universe
"Im Jahre 1628 beauftragte Papst Urban VIII Tommaso Campanella (?1639), den Autor des utopischen „Sonnenstaats“, ihn vor der bevorstehenden Eklipse, die er als tödliches Omen auslegte, zu beschützen. Campanella installierte ein magisches Planetarium. Zwei Lampen stellten Sonne und Mond dar, fünf Fackeln die Planeten. Bestimmte Juwelen, Pflanzen, Parfüme und Farben korrespondierten mit den wohlgesinnten Planeten Jupiter und Venus. Am Tage der Eklipse schlossen er und der Papst sich in dem Raum ein. Sie spielten „jovialische und venusianische“ Musik und hofften, so von ihrem kleinen, günstig gestimmten Kosmos aus den Papst gegen die Eklipse draussen zu schützen." (Jakob Böhme. Die Eigenschaften der sieben Planeten oder Quellgeister. Theosophische Werke, 1682).
Alexander Hahns Intervention "My Own Private Universe" umfasst drei computergenerierte Weltengefüge, in Endlosschleifen an drei Orten rückprojiziert. Die Kosmoramen sind in einer Zeit entstanden, wo der Mensch, kaum dass er begonnen hat, ins Weltall selbst vorzustossen und die Körper des Sonnensystems zu bereisen, bereits mit Planeten liebäugelt, die fremde Sterne umkreisen. Einerseits eröffnen mächtige Teleskope den Blick durch unendliche Fernen immer weiter zu den Ursprüngen des Universums hin, während andererseits Mikroskope stets kleinere Dimensionen beleuchten. In den drei "tableaux vivants" betrachtet Hahn nicht die Räume selbst, sondern seine Erinnerung, die Lichtbilder dieser Räume und ihrer Körper. Makroskopische und mikroskopische Bereiche, verschiedenste Zeit und Dauer sind wie bei einer Träumerei im Hier und Jetzt vereint zu Erinnerungsarchitekturen in einem neuen, "eigenen Universum".
Die astromagische Kammer 
Eine glühende Sonne, umkreist von ihrem "Hofstatt", den klassischen Planeten Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter und Saturn schwebt in einem Innenraum mit zugemauerten Fenstern. Während der utopische Sonnenstaat Hahns über einem Teppich seine zeitlosen und lautlosen Kreise zieht, erscheint auf der Rückwand das Lichtbild einer Backsteinfassade, der ein Mädchen und eine alte Frau entlangschreiten, Camera Obscura Projektionen aus einer gegenwärtigen, fremd anmutenden Aussenwelt. Gleich einem Gedanken oder einer Träumerei erfasst dieses eigene, private Universum die Unermesslichkeit astronomischer Dimensionen.
The Great Attractor 
Mit der Backsteinfassade als Innenwand rekonstruiert Hahn seine Wohnung in New York. Wieder finden wir den ornamentalen Teppich, darauf eine massive Mauer aus dem historischen Pompeij, deren Schwerkraft die kleine Sonne in einer solitären Umlaufbahn hält. Es öffnet sich das Fenster, durch welches der Betrachter in eine zeitgeraffte Aussenwelt mit Gegensonne sieht, und in die Innerlichkeit des Zimmers ziehen, wie in einem Defilee hintereinander, die scheinbar herrenlos gewordenen Planeten hindurch. Innere und äussere Unendlichkeit finden zu einem Bild, welches gleich unserer Erde, unserem Sonnensystem, der ganzen Milchsttasse und weiteren Galaxien einem unsichtbaren "Great Attractor" entgegenrast.
Die Entdeckung der Erde 
In der dritten Animation bleibt die Sonne selbst unsichtbar. Von oben herabsinkend und sich wieder entfernend erhellt nur der flackernde Widerschein ihres Feuers die vertrauten Backsteinmauern, die nun als naturwissenschaftliches Labor einen modernen Nachbau des Michelson-Morley Experimentes aus dem Jahr 1887 beherbergen, das dazumal erfolglos die Bewegung der Erde durch den klassischen Aether festzustellen versuchte. Die starke Verlangsamung des Laserlichtes, das manchmal durch die Spiegelanordnung auf der Steinplatte zieht, spricht von einer Atmosphäre hoher Dichte in dieser menschenleeren Forschungsstätte, die sich, wie der Schatten der Erde verrät, der periodisch über die Steinoberfläche zieht, in einer ausserirdischen Umgebung befindet.
Anlässlich einer ersten Reise 1997 nach Afrika formuliert Alexander Hahn: ¨Die Zeit vergeht, und doch existiert gleichzeitig mit unserer heutigen Welt eine uralte Welt, vergraben, aber immer noch hier, immer noch wirklich, für immer. Eine These besagt, dass vergangene oder zukünftige Ereignisse schon immer existiert haben, und dass wir es sind, die dort ankommen, und nicht die Ereignisse, die geschehen. Wir wären Nomaden, die durch unbekanntes Gebiet ziehen und nur, weil wir mitten in der Landschaft drin sind, nicht sehen können, dass uns nichts zustösst, sondern dass wir es sind, die dazustossen. Die Reisenden transportieren ihre eigene Geschichte (...), ihr Jetzt und ihre Vergangenheit, alle früheren Erlebnisse, Träume, Erinnerungs- und Gedankenstränge, ¨lebende Archive auf der Suche nach einem fehlenden Dokument oder Fragment, dessen Inhalt sie im Wachzustand nicht einmal erahnen.¨
Alexander Hahns sammelt diese "missing links", oft von Zufall und Intuition begleitet, in den Gebieten "Science bis Fiction einerseits, Autobiografie zu historischer Recherche andererseits" (J.Gfeller). Eine Schlüsselrolle in seiner Forschung spielt das Licht - als physikalisches und psychisches Phänomen, als Erreger der Sinne und Bringer der Träume. Dass er dabei Video- und Computermedien benützt (dabei bereits von der Photonik träumt, wo Daten nicht mehr mittels Elektronen in Metalleitungen übertragen werden, sondern mittels Lichtimpulsen in Kristallen), erklärt sich leicht aus ihrem technologischen Prinzip. Licht wird in ein elektrisches Signal umgewandelt und verarbeitet, elektromagnetisch gespeichert und als Lichtbild wiedergegeben. Der Künstler sieht darin ebenso eine Analogie zum Traumentstehen wie in der ursprünglich 1805 von Christoph Bernoulli als wissenschaftliche Erklärung für das Phosphoreszieren des Meeres gedachten Passage: ”Licht, von der Materie absorbiert, wird nicht zerstört; es wird verwandelt: Licht als Licht wird unkenntlich und geht eine flüchtige Verbindung mit der Materie ein. In der Dunkelheit trennt sich das Licht langsam und erscheint wieder als Licht.” (Bernoulli‘s Reiseweg, 1991)
Im Jahre 1628...
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